„Der steinerne Garten“ (Band 1) – Jayden V. Reeves

Klappentext
Gay Drama. Empfohlen ab 16 Jahren.

Für den 26-jährigen Riley Buchanan scheint es sich zunächst um einen ganz gewöhnlichen Nuts-Transport zu handeln, als er am ersten Weihnachtstag spontan zusagt, den emotional unterkühlten Nathanyel Pritchard aus der psychiatrischen Privatklinik Waterbury abzuholen. Unverhofft wird ihm jedoch ein finanziell höchst verlockendes Angebot offeriert und um den langen Schatten seiner wenig ruhmreichen Vergangenheit endlich entfliehen zu können, lässt er sich schließlich auf den merkwürdigen Handel ein. Naiv stolpert er daraufhin in eine fremde Welt, welche von Routinen, Zwang und Kontrolle dominiert wird, und als Nathanyel schließlich seine wahren Absichten enthüllt, sieht er sich einer Herausforderung gegenüberstehen, die sein Leben recht bald und schonungslos auf den Kopf stellen wird.

Die bewegende Geschichte eines Coming Out inmitten zweier Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können.

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Um diese 607 Seiten zu lesen, brauchte ich die Ostertage. Dieses Buch hätte ich  nicht so „zwischen Tür und Angel“ lesen mögen, denn es kommen „Dinge“ darin vor, die mir ganz schön zugesetzt haben.

Ich weiß nun auch wieder, warum ich dramatische Geschichten, Krimis und Thriller nicht wirklich mag bzw. warum sie nicht ganz oben auf meiner „must have“-Liste stehen. Vielleicht bin ich zu emotional, zu sensibel oder zu gerne im „Lummerland“? Dass das Leben kein Ponyhof ist, weiß ich selbst, aber ich muss es mir ja dann nicht auch noch selbst ins Haus holen.
Ich bin bereits einige Tage um diesen Titel herumgeschlichen, aber aus den vorgenannten Gründen (noch) nicht bereit gewesen es zu kaufen. Als mir dann das Buch als Rezensionsexemplar angeboten wurde, musste ich, bevor ich zugesagt habe, erst noch ein paar Details geklärt haben. Wie ihr seht, wurden meine Fragen im Vorfeld beantwortet und nun war es die Tage „fällig“.

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Ich lese viele Bücher, gute Bücher, aber so detailliert ausgearbeitet wie dieses, waren nur wenige. Ganz egal, ob es um die Schreibweise, den korrekten Umgang mit deutscher Grammatik und der Zeichensetzung, die anspruchsvolle Handlung oder die schonungslose Darstellung der Protagonisten ging. Zudem wurde kein Nebenstrang vernachlässigt, was mir immer ganz wichtig ist.
Allerdings habe ich selten von so vielen A***löcher auf einem Haufen gelesen. Nicht nur, dass diverse Charaktere kriminell sind oder zumindest eine kriminelle Vergangenheit haben, nein, auch die charakterlichen Eigenschaften und teilweise nicht vorhandenes (oder falsch verstandenes) Rückgrat, waren bemerkenswert angehäuft.

Am Anfang dachte ich mir noch „mein Gott“ Riley, in was bist du denn da reingerutscht – und ich hatte Mitleid mit ihm. Je weiter ich jedoch im Buch kam, umso weniger konnte ich ihn leiden (und trotzdem hatte er mich). Oberflächlich, naiv, gedankenlos, egoistisch, selbstzerstörerisch, aber auch ohne Probleme, andere „über die Klinge“ springen zu lassen. Ich bin mir sicher, dass wenn er in psychologischer Behandlung gewesen wäre, es eine relativ vernichtende „Diagnose“ aka Einschätzung seiner Persönlichkeit gegeben hätte. Für mich war er eine wandelnde Zeitbombe, die jederzeit zum vernichtenden „Schlag“ ausholen könnte und dies dann ja auch letztendlich, als er sich wieder einmal „schlecht behandelt“ gefühlt hatte, auch getan hat. Klar, hätte man es auch wieder mal auf die schwierige Kindheit schieben können, aber diese „Ausreden“ sind mir in diesem Fall einfach zu billig. Riley hat Defizite, aber diese liegen meiner Meinung nach nicht (nur) in seiner Vergangenheit, sondern in seiner Psyche.

Gedankenlosigkeit tötet. Andere.
Stanislaw Jerzy Lec

Bei Nathanyel war mir relativ schnell klar, in welche Richtung seine Symptome gehen. Hätte sich Riley nur ein bisschen mehr, als nur um sich selbst und seine Befindlichkeiten gekümmert, hätte er bei allen Anzeichen, allen Gesprächen mit Nathanyels Verwandten und ein bisschen nachlesen der Symptome ganz schnell herausfinden können, was Sache ist – so blauäugig kann man gar nicht sein …

Die gemeinsame Geschichte der beiden jungen Männer ist keine leichte Kost. Es ist erschreckend, wie klar dargestellt wird, wie die wirkliche Welt sein kann. Ja, das Buch ist Fiktion und dennoch ist man so in der Geschichte drin, dass man Angst hat, die Zeitung aufzuschlagen und genau so eine Geschichte zu lesen.
Nachdem ich dieses Buch zu Ende gelesen hatte, musste ich erst einmal tief Luft holen, denn mitzuerleben, wohin sich ein sich gegenseitiges hochschaukeln, bewusste Manipulation von verschiedenen Protagonisten und manche Mauern, die man sich selbst gedanklich gebaut hat, hinführen können, ist erschreckend.
Zu lesen, wer Nathan ist, warum er zum Teil so geworden ist, wie er ist, wie wenig Akzeptanz er von seiner Familie und auch anderen Personen erhält, ist teils schwer zu ertragen. Wenn man dann aber liest, wie manipulativ er mit seiner exorbitanten Intelligenz ist, hält sich das Mitgefühl für ihn sehr rasch wieder in Grenzen. Denn ja, ich bin der Meinung, das eine Beeinträchtigung (und das ist seine Erkrankung) zwar vieles, aber nicht alles entschuldigt.

Wie gesagt, dieses wirklich gut geschriebene Buch ist keine leichte Kost. An manchen Stellen war es etwas langatmig, jedoch nie so, dass man den Faden verloren hätte, denn irgendwie ging der Weg immer wieder zur Haupthandlung zurück.
Was es meiner Meinung nach nicht gebraucht hätte, war der etwas lapidare Umgang mit der Vergewaltigung. Mag Nathanyel auch eine gestörte Wahrnehmung haben, ist dies für mich kein Thema, über welches man einfach so hinweggehen sollte. Beide Männer gehen beim Sex nicht gerade zimperlich miteinander um, aber nicht jeder, der das Buch liest, ist versiert im Umgang mit Analverkehr, d.h. obwohl die einzelnen m/m Sexszenen eh schon nicht von Liebe und Rücksichtnahme geprägt waren, ist ein nicht im gegenseitigen Einvernehmen durchgeführter Akt noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Es gibt Menschen, die eine härtere Gangart bevorzugen, ohne Frage. Aber ohne die Zustimmung des Partners ist und bleibt es eine Vergewaltigung. Es mag Genres geben (z.B. japanische Manga) in denen dies gang und gäbe ist – bei uns hier Gott sei Dank nicht! Auch wenn eine Anzeige nicht zum Tenor des Buches gepasst hätte, hätte mir an dieser Stelle ein etwas differenzierter Umgang damit, ein besseres Gefühl gegeben.

Das Ende ist halb offen, d.h. man kann damit gut – bis zum Erscheinen des zweiten Bandes – leben. Auch diese Information war mir vor dem Lesen wichtig, denn ein Cliffhanger, den man mindestens ein Jahr so stehen lassen müsste, ist für mein Empfinden ein absolutes „no go“.

Trotz meiner Bedenken zum vorgenannten Punkt der Vergewaltigung, kann ich für dieses Buch (eben mit dem Hinweis, dass auch „nicht einvernehmlicher Sex/Vergewaltigung“ darin vorkommt) eine Leseempfehlung aussprechen – man sollte es eben einfach wissen.

Ich darf mich noch einmal herzlich bei Jayden V. Reeves für das Leseexemplar bedanken!

Bis bald

El Ma

 

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